26.11.2018

FEMNET Speakers Tour – Vortrag über „gender based violence“ in Indien

Zwei Arbeitsrechtsaktivistinnen aus Indien berichten an der Hochschule Reutlingen

Mary Viyakula und Deepika Rao berichten im Rahmen der Femnet Sepakers Tour an der Hochschule Reutlingen über geschlechtsspezifische Gewalt in der indischen Textilindustrie. Fotos. Hochschule Reutlingen.

Von: Julia Sacher und Kim Wagner, Studiengang International Fashion Retail

Geschlechtsspezifische Gewalt an Frauen ist eine der am weitesten verbreiteten Menschenrechtsverletzungen der Welt. Schätzungen zu Folge haben mehr als 30 Prozent aller Frauen in der Textilindustrie diese bereits erlebt. Gerade in den prekären Arbeitsverhältnissen der globalen Textilindustrie, in der circa 80 Prozent Frauen beschäftigt sind, tritt Gewalt gegen Frauen in Form von sexueller Belästigung, Diskriminierung bei der Jobauswahl oder unrechtmäßigen Kündigungen von schwangeren Frauen sehr häufig auf. Am 12.11.2018 machte die Speakers Tour der zivilgesellschaftlichen Organisationen im Textilbündnis an der Fakultät Textil & Design der Hochschule Reutlingen Station um über dieses Thema zu berichten.

Nach einer kurzen Vorstellung von FEMNET durch Tim Zahn (Koordinator der zivilgesellschaftlichen Akteure im Textilbündnis) folgten Vorträge der beiden Arbeitsaktivistinnen Mary Viyakula und Deepika Rao.

MARY VIYAKULA, 43 Jahre, ist seit vielen Jahren Mitarbeiterin und seit 2013 Geschäftsführerin von SAVE (Social Awareness & Voluntary Education), einer NGO in Tamil Nadu, Indien. Sie leitet ein Trainingsprogramm, das Arbeiterinnen über ihre Rechte aufklärt und Schulungen für Gewerkschaften anbietet.

DEEPIKA RAO, 33 Jahre, arbeitet seit drei Jahren für Cividep India. Die NGO in Bangalore, Karnataka untersucht die Arbeits- und Lebensbedingungen von Arbeiter_innen in globalen Lieferketten. Die Ergebnisse dieser Recherchen nutzt Cividep, um sich für bessere Löhne, sicherere Arbeitsplätze und gegen Diskriminierung in Fabriken einzusetzen.

In Indien arbeiten rund 8.000.000 Arbeiter_innen in der Textilindustrie. 60 – 80 Prozent der Angestellten sind Frauen. Aus diesem Grund lag der Schwerpunkt des Vortrags auf geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen. Was nicht verwundert, ist, dass primär junge Frauen im Alter von 15-23 in den Fabriken, vor allem in der Spinnerei, eingestellt werden. Die vor Ort tätigen und meist männlichen Manager ziehen einen persönlichen Nutzen daraus. Da die jungen Frauen in der Regel aus ländlichen Gebieten kommen und daher ungebildet sind, sind sie nicht über ihre Rechte aufgeklärt. Dies macht eine menschenunwürdige Behandlung durch die Manager einfach.

Die jungen Frauen, oft noch nicht einmal volljährig, werden in ihrer Heimat im Norden Indiens mit leeren Versprechungen angeworben. Ihnen wird ein erfülltes Leben bestehend aus viel Geld, reichlich sozialen Kontakten und kostenlosem Essen sowie kostenloser Unterkunft versprochen. Noch in den kleinen Dörfern werden die angeworbenen Frauen auf die Arbeit in den Fabriken vorbereitet und im Anschluss daran gemeinsam in den Süden Indiens transportiert.

Vor Ort werden die Frauen in Hostels untergebracht. Soziale Kontakte zur Außenwelt fehlen weitestgehend und die Kommunikation untereinander ist durch die verschiedenen Sprachen der Wanderarbeiterinnen sehr schwierig. Den Frauen wird etwa alle sechs Monate erlaubt, nach Hause zu gehen. Des Weiteren werden Frauen für die gleiche Arbeit um einiges geringer bezahlt als Männer. Die hohen Tagesziele der Akkordarbeit führen dazu, dass die Arbeiterinnen kaum Wasser zu sich nehmen um durch den Toilettengang keine Zeit zu verschwenden. Dies bringt gesundheitliche Konsequenzen mit sich. Diesem Druck können die wenigsten standhalten, weshalb viele nach weniger als einem Jahr die Arbeit in den Produktionsstätten aufgeben. Andere hingegen haben Angst, darüber zu sprechen oder gar sich dagegen zu wehren. Diejenigen die den Mut aufbringen, ihre schrecklichen Erlebnisse zu schildern, werden gefeuert, wohingegen die Verantwortlichen des Missbrauchs häufig verschont bleiben.

Die Arbeiterinnen sind tagtäglich verbaler, physischer und sexueller Gewalt ausgesetzt. Die sexuellen Übergriffe führen oft zu ungewollten Schwangerschaften. Den schwangeren Frauen werden deshalb Abtreibungspillen verabreicht um die Schwangerschaft abzubrechen. Aufgrund der gesetzlichen Regelungen für Sonderbehandlungen der Schwangeren werden diese in der Regel entlassen bzw. erst gar nicht eingestellt.

In Indien ist es gesetzliche Vorschrift, dass in den Fabriken Komitees gegen geschlechtsspezifische Gewalt gebildet werden. Die zwei Arbeitsaktivistinnen setzen sich aktiv dafür ein, dass diese Komitees vorhanden sind und sich mit Arbeitsrechten und sexueller Belästigung an Frauen auseinandersetzen. SAVE leistet Präventionsarbeit und klärt die Arbeiterinnen über ihre Rechte auf. Durch ihre Arbeit konnten sie bereits über 5.000 junge Frauen aus deren menschenunwürdigen Situation befreien.

Nach den interessanten Präsentationen der beiden Arbeitsaktivistinnen, wurde angeregt diskutiert, welche Maßnahmen sowohl die Konsumenten als auch die Vertragspartner bzw. Zulieferer ergreifen sollten. Marken sollten ihre Zulieferer auf dieses Thema aufmerksam machen und mit lokalen Nichtregierungsorganisationen (NROs) zusammenarbeiten. Sozialaudits hingegen scheinen kaum Wirkung zu zeigen, u.a. da sich die Produktionsstätten auf Ankündigungen vorbereiten können.

Die beiden Referentinnen riefen die Anwesenden dazu auf, sich nicht nur als Konsumenten, sondern als Bürger einzusetzen. Es ist ein Anfang, fair trade Kleidung zu kaufen und sich mit dem Hintergrund des Kleidungsstücks auseinandersetzen. Zusätzlich ist es jedem Einzelnen möglich, über Social Media-Plattformen auf die Situation aufmerksam zu machen. Egal ob mit Hilfe von NROs oder der Regierung sollte Druck auf die Marken ausgeübt werden, da für sie der Verlust des guten Rufs die einzige Angst darstellt.

Wer muss für Ihr T-Shirt leiden?

Ein Fact Sheet von FEMNET zum Thema Gewalt an Frauen finden Sie hier.

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