21.10.2014

Trendwende in der regionalen Textilwirtschaft

960 000 Euro für Reallabor der Uni Ulm und der Hochschule Reutlingen

T-shirts für drei Euro, Pullis für fünf und eine Kinder-Hose für sieben Euro. Solche Textil-Discounter-Preise sind in deutschen Innenstädten immer öfter zu finden. Dabei sind diese Billigtextilien das Produkt eines brutalen globalen Wettbewerbs, bei dem nicht nur ökologische und soziale Standards auf der Strecke bleiben, sondern dem auch eine Vielzahl deutscher Unternehmen zum Opfer gefallen ist. Wissenschaftler der Hochschule Reutlingen und der Universität Ulm hoffen nun auf eine Trendwende – zumindest für die schwäbische Stadt Dietenheim.

Mit 960 000 Euro fördert das Land Baden-Württemberg ein Reallabor der beiden Hochschulen zur nachhaltigen Transformation der Textilwirtschaft in dieser 6000 Einwohner kleinen Stadt mit großer Textil-Vergangenheit. Insgesamt stellt das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) 7 Millionen Euro für sieben ausgewählte Projekte bereit, um den Beitrag der Wissenschaft für eine nachhaltige Entwicklung zu stärken. „Mit den Reallaboren ermöglichen wir eine neue Form des Wissenstransfers und greifen Themen auf, die für die gesellschaftliche Veränderung von zentraler Bedeutung sind“, so Forschungsministerin Theresia Bauer.

Die textile Wertschöpfungskette transformieren

„Unser Projekt verknüpft zwei Perspektiven. Einerseits geht es um die Wiederbelebung der Textilstadt Dietenheim. Andererseits steht die nachhaltige Transformation der textilen Wertschöpfungskette im Mittelpunkt“, so Professor Martin Müller. Der Inhaber des Lehrstuhls für Nachhaltige Unternehmensführung an der Universität Ulm hat gemeinsam mit dem Textilwirtschaftsexperten Professor Matthias Freise und dem Handelsfachmann Professor Jochen Strähle von der Hochschule Reutlingen den erfolgreichen Antrag verfasst. „Verwaiste Innenstadtflächen werden von regionalen Textilunternehmen genutzt, um die gesamte textile Wertschöpfungskette für den Kunden transparent und erfahrbar zu machen“, schildert Freise das Vorhaben. Die Idee: Gläserne Produktion und Design-Werkstatt arbeiten dabei Hand in Hand. Bereit stehen zur Realisierung zahlreiche mittelständische Textilhersteller aus der Region, die einen Großteil der Kette abdecken und sich – finanziert mit Eigenmitteln – eine Ansiedlung in der Dietenheimer Innenstadt vorstellen können. Die Firma Otto mit ihrer Garnspinnerei und -färberei ist bereits dort ansässig. Selbstverständlich für die beteiligten Firmen: die Einhaltung hoher sozialer und ökologischer Standards.

Einsatz von Bio-Materialien

Zum Einsatz im Reallabor sind vor allem ausgewählte Bio-Materialien vorgesehen. Um weg zu kommen vom vermeintlich langweiligen, bieder-moralischen „Öko-Image“ sollen neue Vermarktungs- und Vertriebskonzepten entwickelt werden. Die beteiligten Psychologen und Medieninformatiker der Uni Ulm sollen die wissenschaftlichen Grundlagen für innovative Marketing- und Verkaufsstrategien legen – nicht zuletzt mit Hilfe neuer Medien. „Wir bauen bei der Kundenansprache beispielsweise auf eine Mischung aus Information und Emotion. Es geht ja auch darum, durch die Vermittlung eines bestimmten Lebensgefühls neue Milieus zu erschließen. Nicht nur der traditionelle `Öko´ soll sich angesprochen fühlen, sondern auch die verantwortungsvolle Managerin“, so Professor Jochen Strähle von der Fakultät für Textil & Design der Hochschule Reutlingen.